Podiumsdiskussion am 17.06.2026 zum neuen Wehrdienst

Was kommt auf junge Menschen zu?

Auf Einladung der Volkshochschule Fürth und in Zusammenarbeit mit dem Fürther Jugendrat fand eine öffentliche Podiumsdiskussion zum neuen Wehrdienst statt. Die Veranstaltung wurde über den Jugendfonds der Partnerschaft für Demokratie Fürth im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert. Ziel der Veranstaltung war es, die geplanten Änderungen des Wehrdienstmodells aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und den Besucherinnen und Besuchern eine fundierte Grundlage für die eigene Meinungsbildung zu bieten.

Das Bistro der Volkshochschule war mit rund 50 Besucherinnen und Besuchern gut gefüllt. Das große Interesse und die rege Beteiligung des Publikums unterstrichen die Aktualität und gesellschaftliche Relevanz des Themas. Nach der Begrüßung durch die Volkshochschule Fürth und den Fürther Jugendrat führte die Moderatorin Prof. Dr. jur. Angelika Emmerich-Fritsche, Professorin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, durch den Abend. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem Impulsvortrag des Bundestagsabgeordneten Ralph Edelhäußer (MdB).

In seinem Vortrag erläuterte Ralph Edelhäußer die sicherheitspolitischen Hintergründe der geplanten Reform. Er verwies auf die veränderte internationale Sicherheitslage seit dem russischen Angriff auf die Ukraine sowie auf die gestiegenen Anforderungen innerhalb der NATO. Deutschland müsse künftig deutlich mehr aktive Soldatinnen und Soldaten sowie Reservistinnen und Reservisten bereitstellen. Der neue Wehrdienst solle zunächst auf Freiwilligkeit basieren und insbesondere den Aufbau einer leistungsfähigen Reserve ermöglichen. Gleichzeitig betonte Edelhäuser, dass neben der Bundeswehr auch Freiwilligendienste wie das Freiwillige Soziale Jahr oder der Bundesfreiwilligendienst weiterhin gestärkt werden müssten.

Im anschließenden Podium diskutierten die Gäste die Chancen, Grenzen und Auswirkungen der Reform aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Hauptmann Glaser, Jugendoffizier der Bundeswehr, unterstrich die sicherheitspolitische Notwendigkeit einer personellen Stärkung der Streitkräfte. Angesichts der aktuellen Bedrohungslage sei Vorsorge notwendig, um Deutschland und seine Bündnispartner verteidigungsfähig zu halten. Er machte deutlich, dass der neue Wehrdienst vor allem der Ausbildung von Reservistinnen und Reservisten diene und nicht dazu gedacht sei, junge Menschen unmittelbar in Kampfeinsätze zu schicken. Gleichzeitig sprach er sich für eine intensivere und sachliche Information junger Menschen über Inhalte und Ziele des Wehrdienstes aus, da viele Unsicherheiten auf Fehlinformationen und unvollständigem Wissen beruhten.

Einen deutlich anderen Blickwinkel vertrat Karl-Heinz Bittel vom Fränkischen Bildungswerk für Friedensarbeit. Er stellte die Frage, ob die derzeitigen gesellschaftlichen Herausforderungen nicht andere Prioritäten erforderten. Neben internationalen Konflikten nannte er insbesondere die Klimakrise, soziale Ungleichheit, Bildungsprobleme und den zunehmenden Extremismus als zentrale Sicherheitsrisiken. Aus seiner Sicht könne dauerhafter Frieden nicht allein durch militärische Aufrüstung erreicht werden. Stattdessen warb er für mehr Investitionen in Diplomatie, zivile Konfliktbearbeitung und Friedensbildung. Dabei verwies er auf seine Erfahrungen aus der Bildungsarbeit mit jungen Menschen, die nach seiner Beobachtung verstärkt auf Dialog und Deeskalation setzen.

Die Perspektive der jungen Generation brachte Kian Lambrecht, Bezirksschülervertreter für Mittelfranken, in die Diskussion ein. Er schilderte, dass viele Schülerinnen und Schüler die aktuelle Weltlage als belastend wahrnehmen und sich mit einer Vielzahl gleichzeitiger Krisen konfrontiert sehen. Neben der Diskussion um den Wehrdienst beschäftigten junge Menschen insbesondere Themen wie Bildungsdefizite, Klimawandel, soziale Unsicherheit und die Folgen der Corona-Pandemie. Kritisch sah er, dass in Schulen häufig zu wenig Raum für eine sachliche Auseinandersetzung mit sicherheitspolitischen Themen bestehe. Gleichzeitig würden viele Jugendliche ihre Informationen überwiegend über soziale Medien beziehen, wodurch Unsicherheiten und Falschinformationen entstünden. Er sprach sich deshalb für eine stärkere politische Bildung und eine umfassendere Aufklärung über den neuen Wehrdienst aus.

Auch Julia Tschekalina, Mitglied des Integrationsbeirats und Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, beteiligte sich an der Diskussion und brachte ihre Erfahrungen aus der Integrations- und Erinnerungsarbeit ein. Gemeinsam mit den weiteren Podiumsgästen wurde deutlich, wie unterschiedlich die gesellschaftlichen Perspektiven auf Sicherheit, Demokratie und Verantwortung ausfallen und wie wichtig der offene Austausch über diese Themen ist.

Im Verlauf der Veranstaltung beteiligte sich auch das Publikum intensiv an der Diskussion. Zahlreiche Besucherinnen und Besucher nutzten die Möglichkeit, Fragen zu stellen und eigene Positionen einzubringen. Diskutiert wurden unter anderem die geplanten Verteidigungsausgaben, die Rolle der Bundeswehr im Inland, die Informationsarbeit an Schulen sowie die Verteilung staatlicher Mittel zwischen Verteidigung, Bildung und sozialer Infrastruktur. Weitere Wortmeldungen befassten sich mit der Werbung der Bundeswehr gegenüber Jugendlichen, der Friedensbildung an Schulen sowie der Entwicklung der Kriegsdienstverweigerungszahlen.

Die Diskussion machte deutlich, dass die Bewertung des neuen Wehrdienstes von unterschiedlichen Vorstellungen darüber geprägt ist, wie Sicherheit in einer demokratischen Gesellschaft gewährleistet werden kann. Während Vertreter aus Politik und Bundeswehr die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit als notwendige Reaktion auf die veränderte internationale Sicherheitslage beschrieben, betonten Vertreter der Friedensarbeit die Bedeutung von Diplomatie, ziviler Konfliktlösung und gesellschaftlichen Investitionen. Trotz unterschiedlicher Positionen bestand Einigkeit darüber, dass junge Menschen besser informiert und stärker in politische Entscheidungs- und Meinungsbildungsprozesse einbezogen werden sollten.

Die Veranstaltung leistete damit einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Debattenkultur. Sie bot Raum für einen respektvollen Austausch unterschiedlicher Meinungen und Perspektiven und stärkte die politische Bildung sowie die Fähigkeit zur differenzierten Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich hochaktuellen Thema. Das große Interesse der rund 50 Teilnehmenden und die intensive Beteiligung des Publikums verdeutlichten den Bedarf an solchen niedrigschwelligen Dialogformaten im Rahmen der Partnerschaft für Demokratie.